Ziele der Laieninitiative

Seelsorgenotstand

Aus der Sorge über den immer drückender werdenden Priestermangel und den dadurch entstehenden Seelsorgenotstand haben sich Angehörige der österreichischen Katholischen Kirche zu Beginn des Jahres 2009 an die Öffentlichkeit gewandt. Sie haben aufgerufen, folgende Reformvorschläge zu unterstützen: Die Abschaffung des Pflichtzölibats der Priester, die Berufung von sogenannten „Viri probati" mit der Ermächtigung zur Spende von Sakramenten, sowie die Weihe von Frauen im ersten Schritt zu Diakoninnen.

Die Laieninitiative verfolgt ihre Ziele in enger Zusammenarbeit mit den vier anderen Kirchen-Reformbewegungen in Österreich: Mit der Plattform „Wir sind Kirche“, mit der „Pfarrer-Initiative“ und der Vereinigung der „Priester ohne Amt“.

Die Laieninitiative hat betont, dass sie ein Ignorieren dieser Vorschläge nicht hinnehmen würde. Ihr Appell fand eine über Erwarten breite und lebhafte Zustimmung, auch von nicht wenigen engagierten Geistlichen.

Für eine neue Kirchenverfassung

Damit ergab sich die Notwendigkeit, das Drängen zu verstärken. Die Frage wurde aufgeworfen, ob eine Kirchenordnung, die ein derart arrogantes Missachten von konstruktiven Bemühungen zulässt, heute noch hinnehmbar ist. Eine wissenschaftliche Enquete „Kirchenreform und Menschenrechte" und eine Folgekonferenz über eine zeitgemäßen Kirchenverfassung brachten ein eindeutiges Ergebnis: Die heutige Verfassung der Kirche widerspricht in wesentlichen Belangen sowohl dem Evangelium als auch den heute allgemein anerkannten Grund- und Menschenrechten.

Die Bischöfe müssen dazu aufgefordert werden, dass es ihre Aufgabe ist, die Gläubigen ihrer Diözesen in Rom zu vertreten und nicht zu Hause als ferngesteuerte Statthalter Roms aufzutreten.

Gewissen gegen Diktatur

Ein unerträglicher Zustand ist eingetreten, der weite Teile Europas betrifft. Zunehmend wird klar, dass der bisherige Kurs des Vatikans der Kirche schweren Schaden zufügt. Eine abgehobene Religionsbürokratie befasst sich mit lebensfremden Regeln, anstatt sich der Zukunft des Glaubens zuzuwenden. Währenddessen setzt sich der Verlust von Mitgliedern und geeigneten Geistlichen dramatisch fort. Das hat anscheinend auch Papst Benedikt XVI. eingesehen und durch seinen Rrücktritt den Weg zu einer neuen Kirche frei gemacht.

In dieser Situation wächst die Entschlossenheit, sich das Ignorieren von Sorge um die Kirche und von Bemühungen um überfällige Veränderungen nicht mehr gefallen zu lassen. Es darf kein Zögern mehr geben, Reformen, die von einer weltfremden Kirchenleitung ein halbes Jahrhundert nach dem Konzil ängstlich abgewehrt wurden, nun auch gegen deren Willen durchzusetzen! Das immer noch geltende System erweist sich - um es ungeschminkt auszudrücken - als eine absolutistische Diktatur, deren Regeln es ermöglichen, jede Mitsprache und Mitwirkung abzuweisen.

Offenheit und Aufrichtigkeit

Die Laieninitiative hält angesichts dieser Situation einen energischen Schritt der Selbsthilfe für notwendig. Um die Kirche zu verändern, ohne sie zu verlassen oder in ihrem Wesen zu gefährden, müssen unerträgliche Befehlsstrukturen überwunden werden. Sie sind bis zu einer Erneuerung in die Bedeutungslosigkeit zu versetzten und zu isolieren. Die Laien müssen nun nach dem Prinzip handeln: Wo ihr euch nicht um uns schert, kümmern wir uns auch nicht um euch.

An sich ist dieser Zustand schon längst eingetreten: Die Vorschriften der kirchlichen „Obrigkeit" werden vielfach missachtet, allerdings auf eine verborgene und unaufrichtige Weise. Längst ist so eine beschämende und unwürdige Spaltung entstanden. Dem in einer Scheinwelt verfangenen vatikanischen Regime freimütig und offen entgegenzutreten, erweist sich daher heute als moralische Pflicht. Mut und Aufrichtigkeit sind Tugenden, die sich der Hilfe des Heiligen Geistes sicher sein können. Die Laieninitiative ruft alle Angehörigen der Römisch-Katholischen Kirche auf, sich diesem berechtigten Widerstand aus Verantwortung anzuschließen und das öffentlich zu bekennen!

Nicht austreten, sondern auftreten

Nur durch christliche Eigenverantwortung aus dem Gewissen kann die Kirche wieder gesunden. Die Gemeinschaft des katholischen Glaubens zu verlassen, wäre hingegen der falsche Schritt. Die Kirche kann nur von innen und nur dadurch geändert werden, dass eine echte geistliche Autorität hergestellt wird, der mit gutem Gewissen gefolgt werden kann. Eine neue Spiritualität, die sich ganz am Evangelium orientiert, muss sich durchsetzen.

So ist die Kirche entstanden und groß geworden und so muss sie von den schlimmen Fehlern befreit werden, an denen sie bis hin zur Existenzbedrohung leidet. Wenn sich viele Menschen diesem Ziel verpflichten, kann das nicht wirkungslos bleiben. Die Laieninitiative will sich offen zu einer zeitgemäßen Kirche bekennen. Sie stellt allen, die das tun, dafür ein sichtbares Zeichen (Abzeichen) zur Verfügung. Sie wird ferner fortlaufend Empfehlungen abgeben, wie abzulehnenden kirchlichen Vorschriften wirksam, wohlbegründet und glaubwürdig entgegengetreten werden kann.

Bischöfe müssen auf die Gläubigen hören!

Bischöfe sind keineswegs in erster Linie dazu berufen, den Gläubigen die Anordnungen des Vatikans unter Berufung auf deren „Gehorsamspflicht" weiterzugeben. Sie haben vielmehr entsprechend ihrer von Jesus betonten dienenden Funktion auf die Meinung der Kirchenmitglieder zu hören, deren Anliegen zu erforschen und ernst zu nehmen. Eine Umkehr des Handelns muss erfolgen: Nicht von Rom nach „unten", sondern vom Kirchenvolk nach „oben". Bischöfe müssen sich dem Gebot der Demut folgend dem Urteil der Gläubigen aussetzen. Die vatikanische Umfrage als Vorbereitung der Bischofssynode 2014 kann als erster Schritt in diese Richtung verstanden werden.

Einsatz für mutige Reformen

Die Laieninitiative ist als freie Gemeinschaft von Katholikinnen und Katholiken (gemäß Can. 215 des Kirchenrechts) davon überzeugt, dass das historische Kirchenmodell überholt und heute nicht mehr tauglich ist. Sie setzt sich daher energisch für mutige Reformen ein, vor allem zur Verbesserung der notleidend gewordenen Seelsorge. Der in unserer Gesellschaft noch immer vorhandene und unersetzliche Glaube darf nicht Opfer eines unfruchtbaren und ängstlichen Beharrens werden, sondern muss lebendig und zukunftsfähig bleiben!

Vom Gehorsam zur Eigenverantwortung

Nachdem bisher alle Bemühungen vergeblich waren, ist die Laieninitiative zum Entschluss gekommen, offenen "kirchenloyalen Widerstand" gegen ein unerträglich gewordenes klerikales System zu leisten. Sie sieht angesichts der gegenwärtigen Situation nur die Möglichkeit, sich von den Entscheidungen und Anordnungen der Kirchenleitung dort zu lösen, wo diese im Widerspruch zu dem am Willen Jesu orientierten christlichen Gewissen handelt. Dieser Schritt führt vom sterilen „Gehorsam" zur Eigenverantwortung mündiger Katholikinnen und Katholiken, welche das Glaubensleben insbesondere dort selbst gestalten müssen, wo es an geeigneten Priestern mangelt.

Für die Integrität der Kirche

Die Laieninitiative ruft angesichts einer dramatisch gefährdeten Gemeinschaft des Glaubens dazu auf, die Kirche nicht zu verlassen, sondern alles zu unternehmen, um eine ihrer Aufgabe nicht gewachsene "Obrigkeit" daran zu hindern, die Kirche immer mehr an den Rand der modernen Gesellschaft zu drängen. Dieser Aufruf geschieht unter grundsätzlicher Wahrung der Loyalität gegenüber der Kirche, deren Einheit und Integrität wiederherzustellen sind. Besteht doch schon längst eine bedrohlichen Spaltung zwischen "oben" und "unten", zwischen dem autoritären Regime des Vatikans und einem Gottesvolk, das längst mündig geworden ist.

Neue Hoffnung aus Rom

Nun scheint sich mit dem neuen Papst Franziskus auch im Zentrum der Kirche die Einsicht durchgesetzt zu haben, dass es so nicht weitergehen kann. Der verstorbene Tiroler Bischof Reinhold Stecher hat in seiner vielbeachteten Kritik am Vatikan geschrieben: „Rom hat das Image der Barmherzigkeit verloren und sich das der harten Herrschaft zugelegt.“ Dagegen lautet das Leitwort von Papst Franziskus: Barmherzigkeit. Die Laieninitiative weiß sich dadurch bestätigt, wird aber so lange weiterarbeiten, bis sich die Intentionen des Papstes auch in der Kurienreform und im einer Revision des Kirchenrechts durchsetzt haben.

Worum es letztlich geht

Was die Laieninitiative bewegt, findet sich sehr treffend in einem Artikel beschrieben, den der an der Universität Wien lehrende Fundamentaltheologe Wolfgang Treitler für die "FURCHE" (v. 15. 4. 10) verfasst hat:

"... Angesichts dieser Lage, die im Ganzen zur Zeit dunkel und traurig ist, gibt es wahrscheinlich nur eine Alternative: Entweder man resigniert und verabschiedet sich irgendwann von der gegenwärtigen Kirche und ihrer Verfassung, die in ihrem Formalismus abstirbt und nicht mehr ins Heute reicht - oder man stellt sich auf die Füße mit starkem Rückgrat und steht ein für das, was man vom Glauben erfasst hat. Vom Glauben Israels, der im Gefolge des Jesus von Nazareth für die Welt der Heiden zugänglich geworden ist. Das ist eine Kern- , ja eine Überlebensfrage zumindest für das europäische Christentum und gewiss für die römisch-katholische Kirche."

Eine kurze Geschichte der Laieninitiative